Genealogische Notizen

Familienforschung kann spannend sein wie ein Kriminalroman. Wir möchten Euch teilhaben lassen an den aufregenden Geschichten, die wir in Kirchenbüchern und Archiven ausgraben. Taucht ein mit uns in vergangene Epochen und rätselhafte Verwicklungen, historische Lebensumstände und die Geschichte einer Region, die es heute so nicht mehr gibt: das frühere Ostpreußen.

Sonntag, 24. September 2017

Post aus Ostpreußen nach einem Jahr in England angekommen



Folgende Nachricht wurde auf der oben dargestellten russischen Postkarte übermittelt: 
Stombeck, d. 27.8.46
Lieber Papa! Die zwei Briefe von Januar u. Mai 1945 gestern erhalten. Selbige sind wohl sehr lange unterwegs gewesen. Jedoch freuen wir uns von Dir was zu hören. - Wir sind alle noch gesund und mit dem Essen ist es bis jetzt auch noch so leidlich gegangen. Wir leben jetzt sehr einfach, aber wolln hoffen, daß auch dieses baldigst vorüber geht. - Von Verwandten sowie Müllers und Bojahrs wissen wir nichts. Tante Hilde befindet sich in Dänemark. Von hier sind auch viele dort, sowie im Reich. Viele Grüße von uns allen hier   Mama, Jungens u. Betti

Hinter dieser schlichten Nachricht steht eine dramatische Geschichte. Am 26. August 1946 hat meine Mutter erfahren, dass ihr Vater lebt und wo er sich befindet. Fischerfrauen vom Haff hatten sich in die zerstörte Stadt Königsberg gewagt, um wahrscheinlich dort auf dem Schwarzmarkt Fische anzubieten. Nach Erledigung der Geschäfte entdeckten die Frauen in der halb zerstörten Halle der Hauptpost einen haushohen Berg mit nicht zugestellten Briefen. Sie suchten nach Post, deren Empfänger sie kannten und fanden einiges. Darunter auch die Briefe meines Großvaters aus England an seine Familie. 

Am Tag nach Erhalt der Briefe meines Großvaters musste sogleich eine Antwort geschrieben werden. Ein wichtiges Lebenszeichen. Was schreibt man in so einer Situation? Wie soll man das Erlebte und das Überleben schildern? Meine Mutter war 14 Jahre alt, wurde seit Februar 1945 Zeugin von Mord und Vergewaltigung, von Raub und Plünderung, Deportationen und Zwangsarbeit. Seit Februar 1945 wusste man nicht mehr, ob man den nächsten Tag, und vor allem als Frau, die nächste Nacht überleben wird. Die Zustände hatten sich 1946 nicht grundlegend geändert und waren noch mindestens bis 1947 für Frauen lebensbedrohlich.

All das unsagbar Schreckliche bleibt ungesagt im Hintergrund. Zu Beginn wird sachlich wie in einem Geschäftsschreiben der Empfang der Briefe bestätigt. 'Wir sind alle noch gesund' heißt es dann weiter. Man lebt. Nur dieses harmlose 'noch' läßt erahnen, dass es mit dem Gesund-Bleiben nicht ganz einfach war, es Gefährdungen gegeben haben müsse und auch für die nähere Zukunft keine Besserung zu erwarten sei. Weiter schreibt sie: 'mit dem Essen ist es bis jetzt auch so leidlich gegangen'. Konkrekt heißt das, man hat gehungert, ist aber noch nicht gestorben!  'Wir leben jetzt sehr einfach' bedeutet, dass der gesamte Familienbesitz geplündert und verwüstet wurde. Ein Dorfsowjet hat die brauchbarsten Wohnräume requiriert, in der Krugstube wurden Netze der Fischerbrigade repariert, und man musste froh sein, in einem Zimmer zusammengedrängt überhaupt noch ein Dach über dem Kopf zu behalten. Betty Schweichler hat mithelfen müssen, die verbliebenen Möbel und Truhen aus ihrem Elternhaus zu zerhacken, damit die Sauna für die Russen beheizt werden konnte. Darunter waren auch sehr alte, kunstvoll bemalte Bauerntruhen, in denen sich einstmals die Aussteuer der einheiratenden Ahninnen befand.

Aber die Familie hat nach Jahren der Ungewissheit endlich erfahren, dass der Vater lebt. Schicksalsbotschaften mit 20 und 15 Monaten Laufzeit. Die Briefe meines Großvaters aus England in die Heimat sind nicht erhalten geblieben. Auch kleinste Fitzelchen privater Papiere wurden bei der Ausweisung im Herbst 1948 abgenommen. Es gab an der Grenze vom russischen zum polnischen Ostpreußen strengste Leibesvisitationen, bei denen auch mal die Nähte der Kleidung aufgetrennt wurden, um sicher zu gehen, dass nichts zwischen Futter und Oberstoff verborgen war. Die Existenz der oben dargestellten Postkarte belegt, dass sie tatsächlich den Weg bis nach England gefunden hat und in die Hände meines Großvaters gelangt ist, bevor er im Mai 1947 aus der Kriegsgefangenschaft in Groß Britannien in die britisch besetzte Zone Deutschlands entlassen wurde.

Es hat dann noch bis 1949 gedauert, bis die Familie in Norddeutschland wieder zusammenfinden konnte. Aber nicht die ganze Familie: von den auf der Postkarte ganz unten grüßenden 'Jungens' fehlt einer, der die Strapazen in Ostpreußen nicht überlebt hat. 

Anmerkung:
Der Poststempel ist bemerkenswert. Er steht zwar auf dem Kopf, ist aber in der Vergrößerung gut lesbar: 30846 = 30.8.46 und dann in kyrillischen Buchstaben КЕНИГСБЕРГ ..CP [Kenigsberg ..SR]. Am 4. Juli 1946 wurde Königsberg offiziell umbenannt in Kaliningrad. Es gab wohl im August 1946 noch keine Stempel mit dem neuen Namen.Vollständig müsste der Stempel wohl Kenigsberg SSSR lauten [Союз Советских Социалистических Республик (СССР)/Sojus Sowjetskich Sozialistitscheskich Respublik (SSSR) - Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken ]

Auch die Absenderangabe ist für heutige Betrachter bemerkenswert: an die bis 1945 gültigen Postadresse wird einfach angefügt 'Ostpr. Russische Zone' .

Siehe auch diese Beiträge zu Stombeck und den Krug der Großeltern:
http://genealogischenotizen.blogspot.de/2011/11/erinnerungen-den-dorfkrug-in-stombeck.html
und 
http://genealogischenotizen.blogspot.de/2009/06/der-ursprung-von-neufitte-stombeck-am.html
und
http://genealogischenotizen.blogspot.de/2008/10/geschichte-eines-ostpreussischen.html

Donnerstag, 21. September 2017

online verfügbare Quellen aus Ostpreußen

Es gibt einen ziemlich umfangreichen Bestand an digitalisierten Akten und Kirchenbüchern bei familysearch, der Ahnenforschungsseite der Mormonen. Unter diesem Link findet man die online zugänglichen Bestände:
https://fs.webosi.net/detail/ostpreussen/all/1 

Nach ersten Stichproben habe ich die Erfahrung gemacht, dass fast alle aufgerufenen Quellen weitaus mehr enthalten, als die Titelangaben vermuten lassen. Wenn ich z.B. die Kirchenbuchbestände Laptau aufrufe, sind darin auch Kirchenbuchbestände von Lappönen enthalten.

Hinter den sogn. Grundleihenbüchern verbergen sich hauptsächlich die Praestationstabellen, die umfangreiche Angaben zu steuerpflichtigem Grundbesitz, aber mitunter auch Handwerker-Tabellen und deren Steuerbeiträge enthalten. Aber auch bei diesen Akten findet man oft mehr, als im Titel ausgewiesen. Man muss damit rechnen, dass evtl. Ämter, die in der alphabetischen Folge nahe liegen, mit enthalten sind.

Das bedeutet, dass man auf der Suche nach Akten mit einem bestimmten Regionalbezug auch daran denken muss, dass sie sich unter anderen Titeln verbergen könnten. Wenn man also nach 'Grumbkowken' sucht, und dazu nichts findet, lohnt sich z.B. der Blick in alles, was mit 'Grünhoff'  tituliert ist. Ich suchte Grünhoff und fand darin auch Grumbkowken.

Die Basis dieser Bestände sind ganz offensichtlich alte Verfilmungen der Mormonen von Akten des früheren Archivlagers Göttingen, die nun digitalisiert zugänglich sind. Das Archivlager Göttingen hat die nach dem Kriege in Salzstollen bei Göttingen gelagerten Teilbestände des Königsberger Staatsarchivs aufgenommen. Diese Bestände befinden sich jetzt im sogn. Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin-Dahlem und sind mit den Teilen vereint, die auf dem Gebiet der früheren DDR in Merseburg gelagert waren.

Andere Bestandteile des alten Königsberger Staatsarchivs haben sich in Polen angefunden und werden dort in einer vorbildlichen Aktion digitalisiert und nach und nach online zugänglich gemacht. Hier der Link auf die Startseite: http://olsztyn.ap.gov.pl/krolewiec/index.html (Sprache auswählen und auf 'Suche' klicken. Das Fenster 'Bestandsname' kann man anklicken. Es öffnet sich eine Auswahl. Aber nicht alles, was dort erscheint, ist schon fertig digitalisiert. Einfach mal ausprobieren. Gegebenenfalls später noch mal versuchen.)

Es scheint so, dass nunmehr nahezu der gesamte Archivbestand aus Königsberg als gerettet angesehen werden kann. Die riesengroßen Bestände aus mittelalterlicher Ordenszeit bis in die frühe Neuzeit umfassen allein in Berlin viele Regalkilometer. Für den ambitionierten Forscher bieten sich dort unerschöpfliche Möglichkeiten, um die zu erschließen ein Leben gar nicht ausreicht.

Mitunter erscheinen gewisse Bestände in den Mormonenlisten auch völlig willkürlich benannt und zusammengestellt zu sein. Es gibt keine erkennbaren Zusammenhänge zwischen Titel und tatsächlichem Gehalt. Man kann mit Überraschungen und Zufallsfunden rechnen. Stöbern löhnt sich auf jeden Fall. Die länger werdenden Abende in der beginnenden Herbstzeit laden dazu ein.

Link zum Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin-Dahlem:
http://www.gsta.spk-berlin.de/

Siehe auch diesen Beitrag zum gleichen Thema:
http://genealogischenotizen.blogspot.de/2016/06/auf-der-suche-nach-ostpreuischen.html